#13 Was ist eigentlich Inklusion?
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in Standard-Sprache weiter unten
Dieser
Text ist durch ein Gespräch mit Professor Doktor Michael Komorek entstanden.
Was ist Inklusion?
Inklusion bedeutet:
Alle Menschen gehören dazu.
Egal:
- ob jemand eine
Behinderung hat
- ob jemand Hilfe
braucht
- ob jemand anders
spricht, lernt oder lebt
Jeder Mensch soll dabei sein können.
Jeder Mensch soll mitmachen können.
Jeder Mensch soll mitentscheiden
können.
Inklusion ist mehr als eine Rampe
Viele Menschen denken bei Inklusion
zuerst an:
- Rampen
- Aufzüge
- breite Türen
Das ist wichtig.
Aber Inklusion bedeutet noch viel
mehr.
Es gibt auch andere Barrieren.
Zum Beispiel:
- schwere Sprache
- Vorurteile
- Ausgrenzung
- fehlende
Informationen
- Menschen, die nicht
zuhören
Auch diese Barrieren können Menschen
ausschließen.
Was ist der Unterschied zwischen
Integration und Inklusion?
Diese Wörter werden oft verwechselt.
Integration
Bei der Integration soll sich ein
Mensch an die Umwelt anpassen.
Der Mensch muss lernen, wie er
mitmachen kann.
Inklusion
Bei der Inklusion wird die Umwelt
verändert.
Die Umwelt wird so gestaltet, dass
alle Menschen mitmachen können.
Der Mensch muss sich nicht erst
verändern, um dazuzugehören.
Menschen dürfen Fehler machen
Ein wichtiger Gedanke ist:
Alle Menschen dürfen Fehler machen.
Durch Fehler lernen wir.
Das gilt für Menschen mit Behinderung
genauso wie für Menschen ohne Behinderung.
Ein Beispiel:
In einer Wohngruppe durften die
Bewohner selbst entscheiden, was sie einkaufen wollen.
Sie kauften fast nur Chips.
Nach kurzer Zeit merkten sie selbst:
"Nur Chips sind keine gute
Lösung."
Danach wollten sie andere Lebensmittel
essen.
Sie haben durch eigene Erfahrungen
gelernt.
Das war wichtiger als eine Belehrung
von außen.
Menschen brauchen nicht immer Hilfe
Viele glauben:
"Menschen mit Behinderung
brauchen immer Hilfe."
Das stimmt so nicht.
Wichtiger ist die Frage:
- Was kann der Mensch?
- Was möchte der Mensch?
- Welche Stärken hat der
Mensch?
Jeder Mensch hat Fähigkeiten.
Deshalb sollte man Menschen nicht nur
nach ihren Schwierigkeiten beurteilen.
Nicht über Menschen sprechen,
sondern mit ihnen
Manchmal sprechen Menschen über einen
Menschen mit Behinderung.
Obwohl dieser Mensch direkt
danebensteht.
Das ist nicht gut.
Besser ist:
- den Menschen direkt an-sehen
- den Menschen direkt an-sprechen
- nach seiner Meinung
fragen
Jeder Mensch möchte ernst genommen
werden.
Mitbestimmen ist wichtig
Ein schwieriges Wort dafür ist:
Par-ti-zi-pa-tion.
Das bedeutet:
Mitbestimmen und mitmachen.
Menschen sollen nicht nur dabei sein.
Sie sollen auch mitentscheiden können.
Zum Beispiel:
- in der Schule
- bei der Arbeit
- in der Freizeit
- beim Wohnen
Wenn Menschen mitbestimmen können,
fühlen sie sich ernst genommen.
Inklusion braucht gute Bedingungen
Inklusion klappt nicht nur durch guten
Willen.
Es braucht auch gute Bedingungen.
Zum Beispiel:
- genug Mitarbeiter
- genug Zeit
- passende Angebote
- verständliche
Informationen
Wenn Menschen unter großem Zeitdruck
arbeiten, bleibt oft weniger Zeit für Mitbestimmung.
Deshalb müssen auch die Strukturen
verbessert werden.
Wie sieht es heute aus?
Es gibt Fortschritte.
Mehr Menschen sprechen über Inklusion.
Es gibt mehr Möglichkeiten zur
Teilhabe.
Aber es gibt auch noch Probleme.
Zum Beispiel:
- in Schulen
- bei der Arbeit
- beim Wohnen
Viele Menschen mit Behinderung erleben
noch immer Barrieren und Ausgrenzung.
Inklusion ist ein Weg
Manche Menschen fragen:
"Ist vollständige Inklusion
überhaupt möglich?"
Die Antwort lautet:
Vielleicht nicht vollständig.
Aber das ist nicht das Wichtigste.
Inklusion ist kein Ziel, das man
irgendwann erreicht hat.
Inklusion ist ein Weg.
Wir können jeden Tag kleine Schritte
machen.
Jeder Schritt macht die Gesellschaft
besser.
Was kann jeder Mensch tun?
Ein guter Anfang ist:
- weniger urteilen
- genauer beobachten
- Fragen stellen
- zuhören
- offen bleiben
Nicht sofort denken:
"Das ist falsch."
Sondern fragen:
"Warum passiert das gerade?"
So können wir andere Menschen besser
verstehen.
Fazit
Inklusion bedeutet:
Alle Menschen gehören dazu.
Jeder Mensch soll:
- mitmachen können
- mitentscheiden können
- respektiert werden
Inklusion ist nicht nur eine Aufgabe
für Menschen mit Behinderung.
Inklusion ist eine Aufgabe für uns
alle.
Dieser
Text ist durch ein Gespräch mit Professor Doktor Michael Komorek entstanden.
Version
in Standard-Sprache
Basierend auf einem
Gespräch mit Prof. Dr. Michael Komorek über Inklusion, Partizipation und
gesellschaftliche Teilhabe.
Inklusion: Mehr als
Barrierefreiheit und warum sie uns alle betrifft
Wenn von Inklusion gesprochen
wird, denken viele zunächst an Rampen, Aufzüge oder abgesenkte Bordsteine.
Diese Maßnahmen sind wichtig, doch sie bilden nur einen kleinen Teil dessen ab,
worum es bei Inklusion tatsächlich geht. Die eigentliche Frage lautet: Wie
gestalten wir unsere Gesellschaft so, dass alle Menschen selbstverständlich
dazugehören, mitentscheiden und teilhaben können?
Inklusion ist längst ein
fester Bestandteil gesellschaftlicher Debatten. Dennoch bleibt oft unklar, was
sie im Alltag bedeutet und worin sie sich beispielsweise von Integration
unterscheidet. Ein genauerer Blick zeigt: Hinter dem Begriff steckt weit mehr
als die Beseitigung sichtbarer Hindernisse.
Was bedeutet Inklusion
eigentlich?
Im Kern geht es bei Inklusion
darum, Barrieren abzubauen. Dabei sind Barrieren nicht nur baulicher Natur. Sie
können ebenso kommunikativ, sozial, psychisch oder organisatorisch sein.
Der entscheidende Gedanke
dabei: Nicht der Mensch ist die Ursache einer Behinderung. Behinderung entsteht
vielmehr im Zusammenspiel zwischen individuellen Voraussetzungen und den
Bedingungen der Umwelt. Dort, wo die Umwelt Menschen ausschließt oder ihnen die
Teilhabe erschwert, entstehen Barrieren.
Inklusion bedeutet deshalb,
diese Barrieren zu erkennen und abzubauen. Ziel ist ein Umfeld, in dem Menschen
unabhängig von ihren Fähigkeiten, Eigenschaften oder Unterstützungsbedarfen
selbstverständlich dabei sein können.
Integration und Inklusion:
Ein wichtiger Unterschied
Die Begriffe Integration und
Inklusion werden häufig gleichgesetzt. Tatsächlich beschreiben sie jedoch
unterschiedliche Ansätze.
Integration verfolgt das
Ziel, Menschen zu befähigen, an bestehenden Systemen teilzuhaben. Der Fokus
liegt darauf, individuelle Fähigkeiten zu stärken, damit eine Person in einer
bereits vorhandenen Umwelt zurechtkommt.
Inklusion setzt dagegen an
den Rahmenbedingungen an. Hier wird gefragt: Wie muss die Umwelt gestaltet
werden, damit möglichst viele Menschen von Anfang an teilhaben können, ohne
sich erst anpassen zu müssen?
Vereinfacht gesagt:
- Integration versucht, Menschen an die Umwelt
anzupassen.
- Inklusion versucht, die Umwelt an die Vielfalt
der Menschen anzupassen.
Dieser Perspektivwechsel hat
weitreichende Folgen. Er verändert nicht nur pädagogische oder soziale
Konzepte, sondern auch die Frage, wer eigentlich entscheidet, was Teilhabe
bedeutet.
Warum echte Teilhabe auch
Fehler zulassen muss
Ein besonders eindrucksvolles
Praxisbeispiel zeigt, wie unterschiedlich integratives und inklusives Denken
wirken können.
In einer Wohngemeinschaft für
Menschen mit psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen sollte das Thema
gesunde Ernährung vermittelt werden. Statt Vorträge zu halten oder Verhalten zu
korrigieren, durften die Bewohnerinnen und Bewohner selbst entscheiden, was sie
für ein Wochenende einkaufen wollten.
Das Ergebnis überraschte
zunächst: Eingekauft wurden nahezu ausschließlich Chips.
Für viele Fachkräfte schien
dies die Befürchtungen zu bestätigen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich
etwas anderes. Die Einkäufe waren durchdacht geplant, die Portionsgrößen
berücksichtigt und sogar mögliche Nachschläge einkalkuliert.
Noch entscheidender war
allerdings, was anschließend geschah. Nach kurzer Zeit stellten die Bewohner
selbst fest, dass ausschließlich Chips keine zufriedenstellende Ernährung
darstellen. Der Wunsch nach frischen Lebensmitteln entstand aus eigener Erfahrung
heraus.
Genau darin liegt eine
zentrale Erkenntnis: Lernen entsteht oft nicht durch Belehrung, sondern durch
eigene Erfahrungen. Wer Teilhabe ernst nimmt, muss Menschen auch zugestehen,
Fehler zu machen.
Eine wichtige Frage lautet
daher: Warum akzeptieren wir Fehler als selbstverständlichen Teil persönlicher
Entwicklung bei den meisten Menschen, nicht aber immer bei Menschen mit
Beeinträchtigungen?
Vom Helfen zur
Unterstützung von Selbstbestimmung
Ein hartnäckiges Vorurteil
besagt, Menschen mit Behinderung seien grundsätzlich auf Hilfe angewiesen.
Diese Sichtweise greift zu kurz.
Statt vorschnell zu fragen,
welche Hilfe jemand benötigt, lohnt sich zunächst die Frage: Welche Wünsche,
Fähigkeiten, Interessen und Ziele bringt dieser Mensch mit?
Der Fokus verschiebt sich
damit weg von Defiziten und hin zu Potenzialen. Unterstützung wird nicht mehr
als einseitige Hilfe verstanden, sondern als Ermöglichung von Selbstbestimmung
und Teilhabe.
Entscheidend ist, Menschen
nicht ausschließlich über ihren Unterstützungsbedarf zu definieren. Schließlich
verfügt jeder Mensch über Kompetenzen, Ressourcen und individuelle Stärken.
Wenn über Menschen statt
mit ihnen gesprochen wird
Eine häufige Form unbewusster
Ausgrenzung entsteht dort, wo über Menschen gesprochen wird, obwohl sie selbst
anwesend sind.
Wer Entscheidungen dauerhaft
stellvertretend trifft oder Gespräche über die Köpfe anderer hinweg führt,
nimmt ihnen die Möglichkeit, Selbstwirksamkeit zu erleben. Langfristig kann
daraus das Gefühl entstehen, keinen Einfluss auf das eigene Leben zu haben.
Dem entgegen steht
Partizipation. Dabei geht es nicht nur darum, Menschen gelegentlich
einzubeziehen. Echte Partizipation bedeutet, ihnen Gestaltungsmöglichkeiten zu
eröffnen und ihre Perspektiven ernst zu nehmen.
Schon kleine Schritte können
dabei große Wirkung entfalten.
Inklusion beginnt nicht
nur im Kopf
Oft wird gesagt, Inklusion
sei vor allem eine Frage der Haltung. So wichtig Einstellungen und Werte auch
sind, dieser Gedanke greift zu kurz.
Eine entscheidende Rolle
spielen die Strukturen und Kulturen von Organisationen, Bildungseinrichtungen
und sozialen Diensten.
Wer unter Zeitdruck arbeitet,
Personalmangel erlebt oder in starren Strukturen handelt, stößt schnell an
Grenzen. Selbst gute Absichten reichen dann häufig nicht aus, um Beteiligung
tatsächlich umzusetzen.
Deshalb braucht Inklusion
mehr als wohlklingende Leitbilder. Sie braucht Rahmenbedingungen, die
Mitbestimmung und Teilhabe ermöglichen.
Die entscheidende Frage
lautet nicht nur: „Was denken wir über Inklusion?“, sondern auch: „Wie
organisieren wir sie?“
Der Blick auf die Wirkung
Ein weiteres zentrales Thema
ist die Bereitschaft zur Selbstreflexion.
Oft handeln Menschen aus den
besten Absichten heraus und merken dennoch nicht, dass sie vor allem ihre
eigenen Vorstellungen von Ordnung, Selbstständigkeit oder Erfolg umsetzen.
Die entscheidende Frage ist
daher weniger, ob etwas richtig oder falsch ist. Viel wichtiger ist die Frage
nach der Wirkung:
- Fördert mein Handeln Selbstbestimmung?
- Erhöht es die Beteiligung?
- Ermöglicht es mehr Teilhabe?
Wer diese Fragen regelmäßig
stellt, kommt inklusivem Handeln oft näher als durch jede Theorie.
Wie inklusiv sind Schule,
Arbeit und Wohnen heute?
In den vergangenen Jahren hat
sich vieles bewegt. Gleichzeitig bleiben zahlreiche Herausforderungen bestehen.
Im Bildungsbereich steigen
zwar die Inklusionsquoten an Regelschulen. Gleichzeitig bestehen Förderschulen
weiterhin in erheblichem Umfang fort. Das zeigt, dass der Weg zu einem wirklich
inklusiven Bildungssystem noch nicht abgeschlossen ist.
Ein ähnliches Bild zeigt sich
auf dem Arbeitsmarkt. Trotz vieler Bemühungen gelingt der Übergang von
Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bislang nur in begrenztem Umfang.
Auch beim Wohnen bestehen
Hürden. Fehlender Wohnraum und begrenzte inklusive Wohnangebote erschweren es
vielen Menschen, selbstbestimmt und mitten in der Gesellschaft zu leben.
Inklusion ist keine
Einbahnstraße
Interessanterweise wird
Inklusion häufig nur in eine Richtung gedacht: Wie können bestehende Angebote
für Menschen mit Behinderungen geöffnet werden?
Ebenso spannend ist jedoch
die Gegenfrage: Wie können Angebote, die ursprünglich für Menschen mit
Behinderungen geschaffen wurden, für alle Menschen geöffnet werden?
Sport-, Kultur- oder
Freizeitangebote könnten so zu Orten werden, an denen unterschiedliche Menschen
ganz selbstverständlich zusammenkommen. Inklusion wird dadurch zu einem
gegenseitigen Prozess statt zu einer einseitigen Anpassungsleistung.
Ist vollständige Inklusion
überhaupt erreichbar?
Auf diese Frage gibt es eine
überraschende Antwort: Wahrscheinlich nicht.
Doch genau das ist nicht das
Problem.
Inklusion ist kein Zustand,
der irgendwann erreicht und anschließend abgehakt werden kann. Inklusion ist
ein fortlaufender Prozess. Es geht nicht darum, irgendwann „fertig“ zu sein. Es
geht darum, bestehende Bedingungen immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Jeder kleine Fortschritt
zählt. Jeder abgebaute Stolperstein, jede neue Beteiligungsmöglichkeit und jede
veränderte Perspektive bringt uns einen Schritt weiter.
Eine Gesellschaft, in der
alle Platz haben
Die Diskussion über Inklusion
ist letztlich keine Debatte über einzelne Personengruppen. Sie betrifft die
Grundfrage, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen.
Eine inklusive Gesellschaft
entsteht nicht durch perfekte Konzepte oder einmalige Maßnahmen. Sie wächst
dort, wo Menschen bereit sind, genauer hinzusehen, Barrieren zu hinterfragen
und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.
Vielleicht beginnt Inklusion
genau dort: Weniger zu bewerten und mehr zu beobachten. Weniger über Menschen
zu sprechen und häufiger mit ihnen. Und nicht zu fragen, wie Menschen in
bestehende Strukturen passen, sondern wie Strukturen gestaltet werden können,
damit alle ihren Platz finden.
Denn Teilhabe ist kein
Privileg. Sie ist ein Menschenrecht. Und sie gelingt am besten dort, wo
Vielfalt nicht als Herausforderung betrachtet wird, sondern als
selbstverständlicher Teil unseres Zusammenlebens.
Basierend auf einem
Gespräch mit Prof. Dr. Michael Komorek über Inklusion, Partizipation und
gesellschaftliche Teilhabe.
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